Kirchweih - Deutschpereg

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Deutschpereg
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Kirchweih

Das Kirchweihfest

So wie in allen Banater Ortschaften war auch in Deutschpereg das Kirchweihfest eines der größten und schönsten Feste im Jahreskreis. Unsere Heimatskirche wurde zu Ehren der hl. Theresia von Avilla geweiht, deren Festtag der 15.Oktober ist.
Somit wurde das Kirchweihfest immer am ersten Sonntag nach dem 15.Oktober gefeiert.
Zu diesem Zeitpunkt waren fast alle Ernten eingefahren und die Feldarbeiten weitgehend abgeschlossen. Im Vorfeld von diesem großen Fest wurden die Häuserfassaden frisch gestrichen, die Innenhöfe und Vorgärten herausgeputzt.
Hauptveranstalter dieses Kirchweihfestes waren  Jugendliche, welche im laufenden Jahr das Alter von 19. Jahren erreicht haben, die sogenannten Rekruten.
Es begann bereits am Samstagnachmittag mit dem schmücken einer Fliederkrone, welche an einen etwa 15. Meter hohen bemalten Tannenstamm befestigt wurde. Die Fliederkrone wurde mit bunten streifen aus Krepppapier, für jeden Jungen mit einen Taschentuch, für jedes Mädchen mit einen Kopftuch und einer Flasche Kirchweihwein geschmückt.
Bei der Jahrgangs ältesten Mädchen wurde ein Rosmarinstrauß mit bunten seidenbänder  und für jeden Rekruten ein kleines Kirchweihsträußchen mit Spiegel vorbereitet. Falls von diesem Jahrgang schon jemand verstorben war, gab es zusätzlich ein schwarzes Band am Strauß und einen Kranz für dessen Grab. Am Abend vor der Rosenkranzandacht, wurde der Kirchweihbaum begleitet von Marschmusik der Dorfkapelle, von den Rekruten und anderen fleißigen Helfern gebracht und vor der Kirche aufgestellt.
Für diese schwere Arbeit benötigte man tatkräftige Jugendliche, aber auch viele Beobachter fürs Geradeschauen damit der Baum im Lot stand. Als Belohnung gab es Kirchweihschnaps, während die Rekruten unter den Klängen der Kapelle tanzten. Begleitet von Marschmusik begab man sich danach zur Jahrgangsältesten um den Strauß zu holen und zur Kirche zu bringen. Dort wurde man bereits von Verwandten und Nachbarn mit Gebäck und Getränken erwartet.
Im Hof wurden dann ein paar Lieder gespielt und getanzt, bevor man sich auf den Weg zur Kirche machte. Dem Wegrand säumten viele Schaulustige. Am frühen Sonntagsmorgen haben Zuckerbäcker und Spielwarenhändler von auswärts ihre Stände in der Kastanienallee (zwischen Pfarrhaus und Kirche) aufgestellt. Früher waren auch Karusselle (Ringelspiele) am Marktplatz aufgebaut. Die Kinder bekamen von den Eltern, Großeltern und Verwandten die sogenannte „Kirchweihlei“, Geld mit dem sie sich selbst kleine Wünsche erfüllen konnten.
Am Sonntag fand um 10 Uhr das feierliche Hochamt statt. Die Kirche war festlich geschmückt und gut besucht, da viele Gäste aus Nah und Fern anwesend waren. Die Rekrutinnen trugen schöne Festtagskleider. Leider wurden die Trachtenkleider (Dirndl) nach Kriegsende abgeschafft. Die Buben trugen dunkle Anzüge und geschmückte Hüte mit Kunststräußchen und langen bunten Seidenbänder. Während des Gottesdienstes wurde der Kirchweihstrauß, eventuell der Grabkranz, vom Priester gesegnet und geweiht. Nach dem Gottesdienst wartete die Musikkapelle auf die Rekruten vor der Kirche. Es wurde wieder um den Kirchweihbaum getanzt. Wenn nötig, ging man mit dem Kranz zum Friedhof und legte ihn dort auf das Grab des verstorbenen Rekruten nieder. Gemeinsam wurde dann gebetet und die Kapelle spielte ein Trauerlied. Vom Friedhof ging es ins Dorf, wo man einige offizielle Persönlichkeiten besuchte und zur Kirchweihfeier eingeladen hat. Am Nachmittag traf man sich im geschmückten Saal des Kulturhauses zum Tanz, welcher abends bis in die frühen Morgenstunden fortgesetzt wurde.
Am Montagnachmittag versammelte man sich wieder vor dem Kulturhaus und begleitet von Marschmusik ging man den Strauß holen. In der Kirche betete man ein „Vater unser“ und kehrte mit dem Strauß in das mittlerweile voll besetzte Kulturhaus zurück. Dieser wurde in der Mitte des Saals auf einen Tisch gestellt und die Versteigerung konnte beginnen.
Zu meiner Zeit als Rekrut (1969) waren Alois Minichshofer und Stefan Iritz die Versteigerer, welche mit viel Witz und Humor ihre Aufgaben erledigten. Während der Versteigerung tanzten die Rekruten und alle anderen um den Strauß herum. Nach jeder Überbietung riefen die Versteigerer: „Zum Ersten, zum Zweiten und zum trinken wir einmal, oder zum tanzen wir mal. Oder Musikanten spielt einmal, oder Buwe was hamma heit?“ Zum Schluss nachdem nicht mehr überboten wurde, riefen sie: „Zum Ersten, zum Zweiten und zum Dritten Mal.“ Somit war die Versteigerung beendet. Der glückliche Gewinner bezahlte 10 % der Versteigerungssumme und bekam den Kirchweihstrauß. Er übergab den Strauß einem Mädchen und tanzte mit ihr einen Ehrentanz. Danach wurde ein Junge zum sogenannten „Austanzen des Straußes“ bestimmt. Dieses junge Paar waren meistens Geschwister oder ein zukünftiges Ehepaar. Nun begann das Aufziehen. Die jungen Burschen forderten verheiratete Frauen zu ein paar Runden Tanz auf. Man gab sie ihren Ehemännern zurück und lud diese gegen einen geringen Betrag zur Kirchweihweinprobe ein. Das eingenommene Geld, so wie die Versteigerungssumme wurde zur Deckung der Unkosten für die Gestaltung des Festes verwendet. Das Paar, welches den Strauß austanzte lud alle Rekruten, Rekrutinnen, Jugendliche, Versteigerer, Verwandte, Nachbarn und offizielle Gemeindevorsteher zum Abendessen ein. Die Eltern und Verwandten des Vortänzerpaares waren währenddessen mit der Zubereitung des Paprikaschessens beschäftigt. Damit das Fleisch auch richtig weich gegart wurde, verzögerte man das Abendessen, indem man mit der gesamten geladenen Kirchweihgesellschaft  den Strauß zur Vortänzerin nach Hause brachte. Dort angekommen wurde man mit Kuchen und Getränke bewirtet und tanzte ein paar Tänze nach den Klängen der Musikkapelle. Diese Zeremonie nannte man „Den Kirchweihstrauß heim spielen“. Schaulustige säumten den Straßenrand, wo der Kirchweihzug vorbei ging. Für sie war es eine Ehre wenn man durch ihre Gasse ging, zum gemeinsamen Abendessen in die Kantine der Kollektiv Wirtschaft. Die geladene Kirchweihgesellschaft begab sich gegen 22 Uhr zurück in das Kulturhaus, wo in geschmückten, voll besetzten Saal bis zum Morgengrauen gefeiert wurde. Zum Ausklang des Kirchweihfestes zogen die Rekruten, begleitet von der Musikkapelle, zu den Rekrutinnen um ihnen ein kleines Kirchweihständchen zu bringen. Die jungen Mädchen standen hinter dem Vorhang und bestätigten den Empfang des Ständchens durch das Anzünden von Streichhölzern. Eine Woche nach Kirchweih wurde das „Nachkirchweihfest“ mit Musik und Tanz gefeiert. Gegen Abend wurde der Kirchweihbaum ausgegraben und abgeschmückt. Jeder Rekrut bekam von der Fliederkrone ein Taschentuch, die Rekrutinnen ein Kopftuch. Die bunten Schleifen aus Krepppapier erhielten die Kinder, sofern sie noch ganz waren. Die Flasche Kirchweihwein wurde in der Grube eingegraben, um die schwere Arbeit des Grabens im nächsten Jahr zu belohnen. Der Stamm wurde zur Aufbewahrung in den Schuppen des Pfarrhauses gebracht. Da fast die gesamte Jugend in Arad und anderen Ortschaften weiter lernten oder arbeiteten, wurde die Versteigerung des Kirchweihstraußes aus Sonntagnachmittag vorverlegt. Durch die Umsiedlung der Deutschen wird kaum noch Kirchweih gefeiert.
Ein Anliegen unserer Heimatsortsgemeinschaft war neben der Erstellung eines Heimatbuches auch die Feier des 125-jährigen Kirchweihfestes in der alten Heimat. In Zusammenarbeit mit dem Bistum Temeschwar wurde die nötige Außenrenovierung der Kirche beschlossen.
Dank der großen Spendenbereitschaft unserer Deutschpereger Landsleute hier in Deutschland, konnte die H.O.G. die Renovierungsarbeiten mit einer Spende von 6.500,00 € unterstützen. Die Arbeiten begannen im Dezember 2003 und waren zum 1. Juni 2004 unter der Regie des Bistums von der Fa. Sinoda aus Arad erfolgreich abgeschlossen. Die damals noch in Deutschpereg lebenden Landsleute haben gleichzeitig das Pfarrhaus renoviert, auch diese Arbeiten wurden mit 800,00 € seitens der H.O.G. unterstützt. Nachdem wir die Zusage vom Diözesanbischof  Monsignore Martin Roos bekamen, die Kirche bei einem Festgottesdienst neu zu weihen wurde das Fest auf den 22. August 2004 vorgelegt. Zu diesem Anlass waren über 120 Personen aus Deutschland angereist. Es wurde gefeiert wie früher, als wir noch alle gemeinsam auf den Tag unserer Kirchweih warteten und ihn in Gemeinschaft mitfeiern konnten. Am Samstag wurde der Kirchweihbaum aufgestellt und der Strauß zur Kirche gebracht. Am Sonntag war um 10 Uhr der Festgottesdienst, zelebriert vom Bischof der die neu renovierte Kirche weihte und den Strauß segnete. Die festlich geschmückte Kirche war voll besetzt und die Feier der heiligen Messe bleibt vielen als eine der schönsten Erinnerungen im Gedächtnis. Nachdem Gottesdienst wurde im Pfarrheim ein gemeinsamen Mittagessen eingenommen. Viele Landsleute nutzten die Gelegenheit sich mit dem Bischof zu unterhalten. An dieser Stelle ein Lob den Landsleuten in der alten Heimat für ihre gelungenen Koch- und Backkünste. Am Nachmittag ging es wie früher mit den Feierlichkeiten weiter. Der Kirchweihstrauß wurde versteigert und im Pfarrheim ein gemeinsames Abendessen für alle eingenommen. Danach wurde bei Musik und Tanz bis Früh morgens gefeiert. Sogar die damalige Musikkapelle kam wieder in die alte Heimat zurück um an der Kirchweihfeier zu spielen. Es war ein gelungenes Fest und vieler unserer Landsleute waren froh dabei gewesen zu sein.
Ein besonderer Dank gilt all denen, die die Renovierungsarbeiten unterstützt haben. Es ist ein Zeichen unserer Zusammengehörigkeit, auch wenn wir weit entfernt von unserer Heimat leben. Wir werden auch weiterhin die Pflege der Kirche und des Friedhofs so gut wie möglich unterstützen, solange es geht. Das sind wir unseren Ahnen gegenüber verpflichtet, das Gotteshaus und den Friedhof als Wahrzeichen unserer Deutschen Kultur zu Ehren.
Mit ihnen verbinden uns schöne, aber auch traurige Momente, welche wir stets in unserem Herzen bewahren und an unsere Nachkommen weitergeben sollten.

Frankenthal, Mai 2016
Walter Hampel

Kirchweihfest 1938
Letzte Aktualisierung 27. 04. 2019
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